Osterkerze 2021

Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Wie war das noch mal? Weiter Raum! Kenne ich das überhaupt noch? Macht mir das vielleicht sogar etwas Angst?

Erfahren wir nicht seit über einem Jahr gerade das Gegenteil?
Überall erfahre ich Beschränkungen und Verbote.
Überall bestimmen meinen Alltag Enge und Grenzen.
Auf der diesjährigen Osterkerze gibt es auch ein "bis hierher und nicht weiter".
Eine rote Linie umschließt den unteren Teil.
Rote Linien bestimmen unseren Alltag seit dem letzten Frühjahr: Absperrbänder um Spielplätze und Bodenmarkierungen - auch in Kirchen. Natürlich auch im übertragenen Sinn tauchen die roten Linien auf. "Bitte besuche mich nicht!" "Bitte halten Sie Abstand!" "Du darfst hier nicht sein". Rote Linien, die uns und die anderen schützen sollen. Rote Linien, die uns aber auch einsperren und belasten. Für alle Verletzungen durch rote Linien steht der Stacheldraht im unteren dunkleren Teil der Kerze. Manchmal ziehen wir selbst diesen Stacheldraht, um uns zu schützen, und manchmal wird er uns aufgedrückt wie eine Dornenkrone. Wo ist da der weite Raum? Ein Fußabdruck ist auch im dunklen Teil zu finden. Eigentlich ist der Abdruck hell und freundlich. Es ist nicht alles bloß verzweifelt und bedrückend. Und doch hat dieser Fuß eine Verletzung. Im Dunkeln ist die Idee von der Unversehrtheit und freudigen Lebenslust vorhanden, auch wenn der Stacheldraht weh tut. Ich weiß, dass das Belastende da ist, aber ich höre auch "Du stellst meine Füße auf weiten Raum".
Auch wenn es manchmal sehr weh tut.
Aus dem dunklen Teil steigt das Auferstehungskreuz auf. Der Kopf neigt sich uns zu und die Arme sind offen zum Himmel erhoben. Dies ist die Verbindung zwischen oben und unten und umspannt auch alles, was rechts und links ist. Aus dem dunklen Teil machen sich die bunten Fußabdrücke auf den Weg. Sie sind so bunt und verschieden, wie nicht nur die Welt ist, sondern auch die Kirche sein soll. Sie orientieren sich am Kreuz, dürfen aber auch aus der Reihe tanzen. Es gibt viele Möglichkeiten unter den ausgestreckten Armen.
Und wo bleibt eigentlich unsere rote Begrenzungslinie? Im Omega geht sie auf verschlungenen Wegen und Im Alpha passiert etwas unerwartetes. Sie geht einfach weiter, erobert sich einen neuen Raum. Aus der roten Linie wird ein roter Faden. Jetzt begrenzt er nicht mehr, sondern geht in die Weite. Sogar Blätter sprießen daraus hervor. Vielleicht wird sie ja auch irgendwann blühen und fruchten. Wer weiß?!?
Es ist nicht immer einfach zu erkennen, wie aus einer roten Linie ein roter Faden werden kann, aber wir dürfen darauf vertrauen, denn "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Eine Inspiration dazu, wie dieser weite Raum aussehen könnte, habe ich in einem Gedicht des Dichterpfarrers Lothar Zenetti gefunden.

 

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.

 

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen.
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.
Wenn alle mittun, steht allein.

 

Wo alle loben, habt Bedenken.
Wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht.

 

Wenn ich also den weiten Raum suche, finde ich genügend Anregungen in dem Gedicht. Nicht alle Aufforderungen entsprechen meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Vielleicht bieten sie eine Inspiration. Aber es ist ja ein weiter Raum, in dem ich etwas bewirken kann.
Angelika Kopp